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Ratgeber zur Aufklärung und Vorbeugung
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Esssucht (Binge-Eating-Störung) - Sucht- und Jugendhilfe

Die Esssucht (Binge-Eating-Störung) gehört zu den häufigsten Essstörungen in Deutschland. Das Essverhalten von Binge-Eatern ist geprägt von wiederkehrenden Essattacken (Binge = Gelage, Prasserei). Sie können ihr Essverhalten trotz der unerwünschten Folgen des exzessiven Essens nicht kontrollieren. Während Magersucht und Ess-Brechsucht häufiger bei Mädchen und Frauen auftreten, sind von einer Esssucht sowohl Jungen und Männer als auch Mädchen und Frauen nahezu gleichermaßen betroffen. Genaue Zahlen über das aktuelle Vorkommen von Binge-Eating-Störungen sind schwer zu ermitteln, da viele nicht über ihr Problem sprechen. Zu groß sind Scham- und Schuldgefühle. Und um Hilfe bitten die meisten Betroffenen erst, wenn sie unter den körperlichen Folgen bereits erheblich leiden. Dennoch gehen Schätzungen davon aus, dass etwa drei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Wer zwanghaft übermäßig isst, tut dies oft in Situationen, in denen er sich gestresst, verärgert, verletzt oder wütend fühlt. Viele an einer Binge-Eating-Störung Erkrankte finden es dann tröstlich und beruhigend zu essen. Aber nach dem Essanfall fühlen sie sich schließlich schuldig, traurig und beschämt. Die Gefühle, die sie über das Essen bewältigen wollten, sind also nachfolgend immer noch da, meist sogar belastender als zuvor. Es entsteht ein Teufelskreis aus Frust, der Suche nach Trost, Schuldgefühlen und erneutem Trostessen. Sowohl beim Binge-Eating als auch bei der Bulimie (Ess-Brech-Sucht) verlieren Betroffene die Kontrolle über ihr Essverhalten, essen zu viel und fühlen sich danach schuldig. Anders als Personen, die unter einer Ess-Brech-Sucht leiden, versuchen Menschen mit einer Binge-Eating-Störung jedoch nicht, eingenommene Kalorien durch Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport aktiv wieder loszuwerden, obwohl auch sie unter ihrem Übergewicht leiden.

Anzeichen:

  • Regelmäßiger Konsum großer Mengen Nahrungsmittel (Essanfälle), unabhängig vom Hungergefühl
  • Unnatürlich schnelles Essen, ohne sich auf das Essen wirklich zu konzentrieren (z.B. gleichzeitig Fernsehschauen, Computerspielen o.ä.)
  • Mehr als zweimal wöchentlich eine Essattacke, über einen Zeitraum von sechs Monaten oder länger
  • Essen als Trostspender
  • Essen bis zu einem unangenehmen Sättigungsgefühl
  • Übermäßige Gewichtszunahme: Die meisten Betroffenen sind übergewichtig oder adipös.
  • Heimlichkeit: Menschen, die unter einer Esssucht leiden, nehmen die erheblichen Nahrungsmengen meist heimlich zu sich und verschweigen ihr Verhalten.
  • Nach einer Essattacke fühlen sich Binge-Eater oft angewidert von ihrem eigenen Verhalten, voller Scham, wütend, deprimiert oder schuldig.
  • Soziale Vereinsamung und Isolation aufgrund belastender Scham- und Schuldgefühle und Stigmatisierung

Ursachen:

Die Entwicklung einer Binge-Eating-Störung wird auf eine Kombination mehrerer Ursachen zurückgeführt. Dazu gehören persönliche Veranlagung, emotionale Probleme sowie erlerntes Essverhalten schon während der Kindheit. Aber auch biologische Gründe können die Entstehung einer solchen Essstörung erklären. Vielfach sind jedoch ungesunde Essgewohnheiten, die schon in der Kindheit im familiären Umfeld erlernt wurden, ursächlich für eine spätere Esssucht. So kann das Risiko für jene erhöht sein, die mit der Erfahrung aufwuchsen, dass Essen sie beruhigen und ihre Emotionen kontrollieren kann, wenn sie Druck spüren oder unglücklich sind. Der Essstörung gehen oft ein negatives Körperbild und niedriges Selbstwertgefühl sowie häufige Diäten voraus. Auch impulsive Persönlichkeitszüge und eine hohe Belohnungssensitivität (Empfänglichkeit für Belohnungen) können eine Esssucht begünstigen, während die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und längerfristig zu planen, als Schutzfaktoren wirken. Stigmatisierungen können

eine Binge-Eating-Störung ebenfalls fördern: Esssucht führt zu einem erhöhten Risiko für Übergewicht und Adipositas und damit häufig auch zu belastender gewichtsbezogener Stigmatisierung. Die Menschen schreiben übergewichtigen Menschen aufgrund ihrer Körperfülle vielfach negative Eigenschaften zu. Sie gelten als faul, undiszipliniert, dumm oder willensschwach. Solche Stigmatisierungen führen bei Betroffenen zu einer Verringerung von Selbstvertrauen und Selbstachtung sowie zu einer Verstärkung von Ängsten und Depressionen, also zu Faktoren, die wiederum wesentliche Auslöser für Essattacken darstellen.

Folgen:

Neben den körperlichen Folgen aufgrund des starken Übergewichts (erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Gelenkbeschwerden, aber auch Krebserkrankungen) leiden Betroffene vor allem unter der psychischen Belastung. Sie können Angststörungen und Depressionen entwickeln, unter Schlafproblemen und Stress leiden. Insbesondere die ausgeprägten Scham- und Schuldgefühle und die Folgen von Stigmatisierungen können Menschen, die unter einer Binge-Eating-Störung leiden, in eine soziale Isolation treiben, der sie nur schwer entkommen und die sie mit erneuten Essattacken zu kompensieren versuchen. Für sie ist es wichtig, sich (mit therapeutischer Hilfe) von gesellschaftlichen Schlankheitsidealen und Stigmatisierungen nicht unter Druck setzen zu lassen, kompetent und kritisch mit medialen Botschaften umzugehen, ein positives Körperbild und Selbstvertrauen zu entwickeln.

FAQ

Im folgenden Bereich finden Sie Antworten auf häufig gestellte Fragen rund um das Thema Sucht und Suchthilfe. Unser Anliegen ist es, Betroffenen, Angehörigen und Interessierten eine erste Orientierung zu bieten und wichtige Informationen verständlich aufzubereiten.

Bitte beachten Sie, dass diese Auskünfte eine individuelle Beratung nicht ersetzen können. Bei weiterführenden Fragen stehen wir Ihnen gerne vertraulich und anonym zur Verfügung.

Was versteht man unter einer Sucht?

Eine Sucht ist ein Zustand, in dem eine Person die Kontrolle über den Konsum eines bestimmten Stoffes (z. B. Alkohol, Drogen, Medikamente) oder ein bestimmtes Verhalten (z.  B. Spielen, Internetnutzung) verloren hat. Sie verspürt einen starken inneren Drang danach, obwohl dies negative Folgen für das eigene Leben und die Gesundheit hat.

Typische Anzeichen sind:

  • Starker Wunsch oder Zwang, eine Substanz zu konsumieren oder ein Verhalten auszuführen
  • Kontrollverlust (Menge, Dauer, Häufigkeit)
  • Vernachlässigung von Pflichten, Hobbys oder sozialen Kontakten
  • Entzugserscheinungen bei Verzicht
  • Wenn du dir unsicher bist, kann ein Gespräch mit einer Fachkraft Klarheit bringen.

Der erste und wichtigste Schritt ist, sich Hilfe zu holen – das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Du kannst dich an eine Suchtberatungsstelle wenden, einen Arzt oder eine Therapeutin aufsuchen. Auch Selbsthilfegruppen bieten Unterstützung und Austausch.

Sucht ist eine chronische Erkrankung, aber sie ist behandelbar. Viele Menschen schaffen es mit professioneller Hilfe, ein suchtfreies und erfülltes Leben zu führen. Heilung bedeutet nicht immer vollständige Abstinenz, sondern auch einen bewussten und kontrollierten Umgang mit dem eigenen Verhalten.

In der Regel werden die Kosten für eine Suchtbehandlung von der Krankenkasse oder Rentenversicherung übernommen – vor allem, wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Suchtberatungsstellen sind meist kostenlos und anonym.