Sportsucht - Sucht- und Jugendhilfe
Sport hält physisch und psychisch fit und gesund. Wer allerdings regelmäßig exzessiv Sport treibt, riskiert nicht nur den Verschleiß von Knochen und Verletzungen an Sehnen und Bändern, die übermäßige Fixierung auf Sport kann auch soziale Negativfolgen haben und emotional krank machen. Die Sportsucht ist den substanzungebundenen Abhängigkeiten zuzuordnen. Betroffene treiben exzessiv Sport, erhöhen die Dosis, verlieren irgendwann die Kontrolle über ihr Verhalten und setzen ihr Training trotz negativer Folgen fort. Eine Sportsucht tritt vor allem im Bereich des Ausdauersports auf. Zwar ist nicht jeder, der regelmäßig läuft, Fahrrad fährt oder das Fitnessstudio besucht, sportsüchtig. Das Auftreten einer ausgeprägten Sportsucht ist tatsächlich selten, wenn sie sich aber erst einmal etabliert hat, können ihre Wirkungen auf Betroffene und ihr soziales Umfeld extrem belastend sein. Deshalb ist es wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn die an sich gesunde Lust an der Bewegung in einen Zwang mündet, der das Leben bestimmt und die Freiheit einschränkt.
Symptome:
- Übermäßige Fokussierung auf den Sport: Typisch für Sportsüchtige ist, dass sich ihr Leben irgendwann völlig auf das sportliche Training konzentriert. Der gesamte Tagesablauf richtet sich nach Sporteinheiten und mitunter vernachlässigen die Betroffenen Schule und Beruf, nur um ihr Lauftraining absolvieren oder noch ein paar Stunden im Fitnessstudio verbringen zu können.
- Entzugssymptome: Sichtbar wird eine Sportsucht vor allem dann, wenn die Abhängigen nicht trainieren können. Sie reagieren dann extrem gereizt, nervös und ängstlich oder deprimiert. Dabei leiden die Betroffenen bei einem Sportentzug besonders unter Schuldgefühlen, weil sie ihr selbst auferlegtes Leistungspensum nicht schaffen. Und diese negativen Gefühle werden dann mit erneuten, meist noch intensiveren Trainingseinheiten kompensiert. So entsteht ein Teufelskreis aus schlechtem Gewissen und Bewegungswahn.
- Soziale Auswirkungen: Eine gefährliche Nebenwirkung der Sportsucht ist neben körperlicher Überlastung die soziale Vereinsamung, und die kann extrem belastend sein. Wer seine gesamte Freizeit dem Sport widmet, hat für Freunde und Familie bald keine Zeit mehr. Freunde kapseln sich ab, Partnerschaften können in eine Krise geraten. Die meisten zwanghaften Sportler hassen nichts mehr als die Störung ihrer Trainingsroutine. Wer sich kritisch äußert oder mehr Zuwendung einfordert, beeinträchtigt das Streben nach Kontrolle und verunsichert Betroffene.
- Essstörungen: Eine Sportsucht ist häufig gleichzeitig mit der Angst verknüpft zuzunehmen, geht daher nicht selten mit einer Essstörung einher und wird auch als „Anorexia athletica“ bezeichnet. Wie besessen beschäftigen sich anorektische Sportler manchmal mit ihrem Essverhalten, zählen Kalorien und bestrafen sich bisweilen mit Nahrungsentzug für verpasste Trainingseinheiten.
Ursachen:
Viele Sportler berichten von einer verbesserten Stimmung während und nach dem Training. Dass Sport die Stimmung verbessert, liegt unter anderem an der Ausschüttung von Dopamin, das dafür sorgt, dass der Belohnungsmechanismus im Gehirn angenehme Gefühle erzeugt. Und Verhaltensweisen, die angenehme Emotionen hervorrufen, drängen nach Wiederholung.
Die Forschung hat unter anderem die Freisetzung von Endorphinen während des Sports dafür verantwortlich gemacht, dass exzessive Sportler die Bewegungsdosis dauerhaft steigern müssen, ihre sportliche Aktivität irgendwann nicht mehr kontrollieren können und ein zwanghafter oder suchthafter Sportwahn entstehen kann. Marathonläufer etwa berichten vom sogenannten „Runner’s High“, auch Läuferhoch genannt, von Glücksgefühlen, die sie fast automatisch weiterlaufen lassen, ohne dass sie körperliche Schmerzen oder Ängste verspüren. Als Ursache für diesen euphorischen Gemütszustand galt zwar lange die Ausschüttung von Endorphinen, heute wird das Läuferhoch jedoch eher auf die Ausschüttung körpereigener Cannabinoide (Endocannabinoide) zurückgeführt.
Auch die Persönlichkeit Betroffener kann die Entwicklung einer Sportsucht beeinflussen und fördern. Wer etwa ein geringes Selbstbewusstsein hat, ist nicht nur anfälliger für Trends und Schlankheitsideale, sondern fühlt sich auch schlecht und wertlos, wenn er Anforderungen nicht genügt. Betroffen sind vor allem besonders perfektionistische Menschen, die fortwährend nach Kontrolle streben. Wie bei anderen Suchtformen auch stolpern sie jedoch von der verzweifelten Suche nach Kontrolle in ein Verhalten, das sie irgendwann nicht mehr kontrollieren können. Auch essgestörte Menschen zeigen eine besondere Anfälligkeit. Der Sportwissenschaftler Mike Trott von der Anglia Ruskin University (ARU) hat erstmals die Häufigkeit von Sportsucht in Gruppen von Menschen mit und ohne die Merkmale einer Essstörung untersucht. Er analysierte Daten von 2.140 Personen aus neun Studien aus verschiedenen Ländern, darunter Großbritannien, USA, Australien und Italien. Es stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit einer Essstörung sportabhängig werden, fast vier Mal so hoch ist wie bei Menschen ohne Hinweise auf ein gestörtes Essverhalten. Mike Trott geht davon aus, dass Bewegungssucht bei Menschen mit Essstörungen eher auftreten könnte, weil sie Angst haben, an Gewicht zuzunehmen, und sie mehr suchtspezifische Persönlichkeitsmerkmale sowie mehr zwanghafte Verhaltensweisen zeigen als Personen ohne gestörtes Essverhalten (Mike Trott u.a.: „A comparative meta-analysis of the prevalence of exercise addiction in adults with and without indicated eating disorders“ in: Eating and Weight Disorders – Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity 26 [1] 2021 S. 37-46).
Muskelsucht:
Der Körperkult hat heute längst auch Jungen und Männer erreicht, die einem Ideal nacheifern, das vor allem muskulös, schlank und fit ist. Soziale Medien, die eine möglichst perfekte Selbstdarstellung zum Identitätssymbol erklären, erschweren es Jugendlichen, die mitten in ihrer Identitätsentwicklung stecken, sich dem Druck zu entziehen. Kein Wunder, dass immer mehr männliche Jugendliche unter der Vorstellung leiden, nicht athletisch, nicht muskulös, nicht männlich genug zu sein. Helfen soll der Besuch im Fitnessstudio, um endlich Muskelmasse aufzubauen und somit dem Idealbild näher zu kommen. Manchen gelingt dies auch, ohne den Muskelkult zu übertreiben. Andere aber betreiben den Muskelaufbau bald exzessiv, versuchen mit Nahrungsergänzungsmitteln oder gar Anabolika ihren Körper zu perfektionieren. Und dennoch fühlen sie sich immer noch zu schmächtig. Wie Magersüchtige, die sich trotz erheblichen Untergewichts noch als zu dick empfinden, entwickeln Betroffene, die unter der sogenannten „Biggerexie“ leiden, eine Körperschemastörung und nehmen ihren Körper trotz Bodybuilding-Figur immer noch als zu wenig muskulös wahr. Dieses Phänomen ist auch als „Adoniskomplex“ bekannt. Der kanadische Forscher Dr. Kyle T. Ganson konnte zeigen, dass Muskelsucht bei männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen häufiger auftritt als angenommen. Untersuchungen zum pathologischen Streben nach Muskulatur wurde in früheren Studien vor allem an spezifischen Gruppen, wie beispielsweise Bodybuildern, und weniger an bevölkerungsweiten Gruppen durchgeführt. Ganson analysierte dagegen Daten von über 2.000 Personen, die an der Canadian Study of Adolescent Health Behaviors teilgenommen hatten, und stellte fest, dass jeder vierte Jugendliche und junge erwachsene Mann ein klinisches Risiko für eine Muskelsucht aufwies. Darüber hinaus traten Symptome einer Muskelsucht häufiger bei denjenigen auf, die angaben, anabole Steroide zu nehmen (Kyle T. Ganson u.a.: „Muscle dysmorphia symptomatology among a national sample of Canadian adolescents and young adults“ in: Body Image 44, 2023 S. 178-186).
